Eins ist sicher: Wein wird seit Anbeginn der Zeit gesammelt, gewinnbringend gehandelt und auch Versteigerungen sind ein fester Bestandteil unserer geliebten Kultur. Und das bereits seit 1806, als eine der ersten Auktionen in der ehemaligen Abtei Eberbach im Rheingau stattfand. Die Versteigerungen verschaffen dem sogenannten Rheinwein damals vor allem eins: ein internationales Ansehen, das großen Weinen aus Médoc und Süßkram aus Sauternes die Stirn bieten kann. In Deutschland wie in England sind weiße Rheinweine zusammen mit Rotweinen aus Frankreich, Champagner und Süßweinen nicht mehr aus Menüs wegzudenken.
Besonders spannend: Der heutige Verband Deutscher Prädikatsweingüter wird im November 1910 als Verband Deutscher Naturweinversteigerer gegründet. Ich wiederhole: der Verband Deutscher Prädikatsweingüter wurde als Verband Deutscher Naturweinversteigerer gegründet. Naturwein? Versteigerer? Klingt verrückt und ist es auch. Durch eine Änderung im Weingesetz kam es zur neuen Namensgebung, außerdem nahm die Organisation von Versteigerungen ab, während die Imagepflege und Förderung des Qualitätsstrebens langsam in den Vordergrund traten.
Nun haben wir nicht mehr 1806 und auch 1910 ist passé, ganz richtig, wir schreiben das Jahr 2025, der ominöse Begriff Rheinwein ist Geschichte, das Renommee den Bach runter und andere Regionen auf dem Vormarsch. Wer es nicht sein lassen kann und unbedingt in Wein investieren will, schielt mittlerweile lieber in die Toskana oder ins Piemont, hält nach wie vor Ausschau im Burgund, wirft ein Auge auf die Champagne, kauft auch zweihundert Jahre später Bordeaux-Banger, schwingt den Allerwertesten ins Rioja oder klappert die Mosel akzentuiert ab. Eben Regionen, die weltweites Interesse genießen. Tradition, Zukunft und Gegenwart connecten. Weine, die Marken sind. Ikonen. Flüssige Legenden. Mit langem Atem und stolzgeschwellter Brust. Gekeltert für die Ewigkeit. Bei konstanter Temperatur stilvoll gereift, gespickt mit zarten Alterungserscheinungen, die sich wie Jahresringe über das Antlitz eines Baumes ziehen. Ausgestattet mit einem strahlenden Säurerückgrat und schmusigen Tanninen, die den Gaumen mit Seide ausstaffieren, gerahmt von einer feinen Holzkontur, wie ein Meisterwerk, das in einer tänzelnden Saftigkeit mündet, die ihren Hüftschwung auch im hohen Alter nicht verliert.
Spekulatives Schindluder mit feinem Stoff betreiben? Nee. Echt nicht. Gar kein Bock. Wein ist einfach zum Trinken da. Punkt. Aus. Fertig.
Wenn ich all das lese, bekomme ich vor allem eins: Durst auf großen Wein. Spekulatives Schindluder mit feinem Stoff betreiben? Nee. Echt nicht. Gar kein Bock. Wein ist einfach zum Trinken da. Punkt. Aus. Fertig.
Denn wenn Kulturgüter zu Spekulationsobjekten einer Generation geldgeiler Hedgefonds-Manager mutieren, die auch während der Corona-Pandemie teuflisch clevere Masken-Deals einfädeln, dann haben wir als Szene ein kleines Problem. Die Leidtragenden sind die Liebhabenden. Die Freaks. Die Nerds. Die vinophilen Pfadfinder. Die Einhörner jagenden Szenegesichter da draußen. Die Brüder und Schwestern, die sich von Montag bis Freitag einen abrackern, um sich dann wochenends vom hart verdienten Zaster eine geile Pulle zu gönnen.
Meine Liebe für die Weinkultur ist bedingungslos und nicht an Profit gekoppelt. Meine Liebe für die Weinkultur ist fernab von wirtschaftlichem Interesse. Wein will keine Renditen erzielen. Oder in die Höhe schießende Sekundärmarktpreise verbuchen. Wein will keine Profite. Wein will auch nicht in Kellern verstauben, um irgendwann den größten Gewinn zu erzielen. Ganz im Gegenteil.
Wein will begeistern und verbinden. Versöhnen und berühren. Wein will Geschichten erzählen. Von Rebsorten. Und von Böden. Von Holzfässern und Stahltanks. Von Lesezeitpunkten. Von klimatischen Bedingungen. Den Gezeiten. Von Frost und Hagelschäden. Vom Regen. Und ganz wichtig: dem Sonnenschein danach. Der uns allen nuklear aus den vier Buchstaben strahlt, wenn wir ihn mit unseren Liebsten genießen. Nur darum geht es. Nicht mehr. Und nicht weniger.
Milton Sidney Curtis, der Wein-Influencer und freie Autor bewegt mit Wortwitz, Biss und Charme schreibend die Weinwelt. Ob feine Tropfen kleiner Weingüter oder Markenweine von Global Playern: Sidney probiert, rezensiert und polarisiert. Ein selbsternannter „Silly Ass“ für alle, die Wein lieben!
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